Baumeisters ‚Kreuzigung‘ in der Martin-Luther-Kirche

Willi Baumeister (mehr)gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des vergangenen Jahrhunderts. Schon in den 1920er Jahren war er Mitglied einer Künstlergruppe, die am Bubenbad im Stuttgarter Osten ihr Domizil hatte. In den Kriegsjahren übernachtete er öfters bei Prof. Musper (von 1946-1963 Direktor der Staatsgalerie Stuttgart) in Sillenbuch. Musper war in dieser sehr schwierigen Zeit für Willi Baumeister wichtig als Gesprächspartner im gegenseitigen Gedankenaustausch.

Baumeisters Werk, seine Kunsttheorien und vor allem auch Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Stuttgart waren im Nachkriegsdeutschland hoch bedeutsam für die Wiedergewinnung der Errungenschaften der Moderne nach den (auch ästhetischen) Barbareien der Nazidiktatur.

Die monumentale Lithographie ‚Kreuzigung‘ von 1952, mit ca. 71x91 cm seine größte Druckgraphik überhaupt,  stellt in Baumeisters Schaffen ein singuläres Werk von großer Suggestionskraft dar. Seit der Zeit seiner Inneren Emigration hat der Künstler immer wieder auch Inhalte der Bibel oder Motive der christlichen Ikonographie aufgegriffen, allerdings ganz überwiegend als Illustrationen gestaltet. Von der ‚Urszene‘ des christlichen Glaubens, der Kreuzigung Jesu Christi, existieren neben unserem Druck noch eine Zeichnung und ein Gemälde, die beide im gleichen Jahr entstanden sind.

Baumeisters Schaffen wird oft als ‚abstrakte Malerei‘ bezeichnet. Tatsächlich sah er sich selbst eher als ‚Figurenmaler‘. Figurative und figürliche Elemente sind auch auf diesem Druck zu erkennen. Typisch für die Werke dieser späten Schaffensphase sind reliefartige Strukturen, die durch das Verfahren der ‚Frottage‘, also des Durchreibens etwa von Holzmaserungen, erzielt werden.

Die Einzelheiten der formalen Gestaltung dieses Bildes und seines gestischen Ausdrucks erschließen sich freilich erst der intensiven Betrachtung, wie Baumeister sie beabsichtigt und in seiner grundlegenden Schrift ‚Vom Unbekannten in der Kunst‘ beschrieben hat: ‚Die Kräfte, die der Künstler dem Werk gab, legen sich dem Betrachter frei, der sich aller Spannungen erledigt hat und den Willen beiseite lässt. (…) Das Müßigsein ist ein Vorstadium zu der Einheit, die der Betrachter als Zustand erreichen soll. Es müsste der Zustand der Gegenüberstellung zwischen Betrachter und Kunstwerk erschüttert werden.‘

Pfr. Dr. Hans-Ulrich Gehring


Das Bild kann auf der offiziellen Website mit Genehmigung vom 25.11.2013 betrachtet werden. mehr

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